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Artikel in der SÜDWEST PRESSE vom 3. Januar 2006, S. 17

Willy Böhmer machte Anfang der 80er Jahre an der Fachhochschule Ulm sein Diplom in Informatik. Während seines Studiums managte er den Jazzkeller "Sauschdall" und hatte maßgeblichen Anteil daran, dass der Jazzclub der FH-Studenten noch heute einen legendären Ruf weit über Ulm hinaus genießt. Willy Böhmer blieb dann trotz seines Informatik-Diploms bis heute Journalist.

Ich danke ihm herzlich für den schönen Artikel zu meinem Abschied.

 


FACHHOCHSCHULE / Vom Informatik-Dozenten zum Ulm-Fan mit Ambitionen am Herd

66 Semester bis zum Hobby

Friedrich Pieper begleitete viele Studenten auf dem Weg zum Computer-Experten

Prof. Friedrich Pieper war in der Informatik-Fakultät der Fachhochschule Ulm über Jahrzehnte eine Institution. Seit dem Sommer ist die Computerwissenschaft nur noch sein Hobby. FOTO: MARIA MÜSSIG

8000 Informatikstudenten hat Prof. Friedrich Pieper an der Fachhochschule Ulm ausgebildet. Er hat die stürmische Entwicklung in der Datenverarbeitung mitgestaltet und in den Lehrplan eingebaut. Nach 66 Semestern war Schluss, seither ist die Informatik sein Hobby.

WILLI BÖHMER

"Man hat nur eine Heimat, aber zuhause kann man überall sein", sagt Friedrich Pieper. Sein Zuhause ist seit 1972 die Stadt Ulm, und seit ein paar Jahren ein historisch bedeutsames Haus im Fischerviertel, direkt an der Stadtmauer, dessen Fundament aus dem Jahr 1688 stammt. Geschichte hat ihn schon immer interessiert, auch als er noch beruflich stark eingespannt war, erzählt Pieper.

Er hat als Fachhochschul-Professor in Ulm Informatiker ausgebildet. Es war ein anspruchsvoller Job, sagt er. Die Anforderungen sind ständig gestiegen, die Inhalte des Studiums haben sich laufend geändert. Rund 400 Diplomanden hat er zum Abschluss geführt. Seine Absolventen gründeten inzwischen mehr als zwei Dutzend neue Firmen und schufen auf diesem Weg viele neue Arbeitsplätze. Einige sind sehr erfolgreich, sagt er nicht ohne Stolz. Im Sommer 2005 war Schluss mit den Vorlesungen, vorzeitig, weil er sich auf andere Dinge konzentrieren wollte, erzählt Friedrich Pieper: auf Kultur, auf seine Arbeit in der Deutsch-Türkischen Gesellschaft Ulm/Neu-Ulm, in der er sehr aktiv ist, auf das Kochen - und auf die Informatik als Hobby, nicht mehr als Beruf.

Mit dem Rechner nach Ulm

Vielseitig interessiert war der 1941 in Königsberg geborene Friedrich Pieper schon immer. Er ist immer noch befreundet mit dem früheren Bremer Regierungschef Henning Scherf (SPD), mit dem er schon in einer Abitursklasse saß. Politik interessierte ihn schon damals, und das hat sich nicht geändert. Pieper studierte in Erlangen, arbeitete anschließend im Siemens-Forschungszentrum und kam mit der Rechner-Familie Siemens 300 nach Ulm. Da blieb er hängen, wechselte als Dozent für Informatik an die Fachhochschule an der Prittwitzstraße. "Die Fachhochschule Ulm hat den ältesten Informatik-Studiengang in Deutschland", erzählt er. Rudolf Herschel war der Gründervater dieses Studiengangs, Pieper war früh mit dabei.

Seither hat sich viel gewandelt, aber die Informatik-Absolventen der FH Ulm sind immer noch sehr gefragt, erzählt Pieper. Weil die FH immer mit vorn dabei war, wenn es galt, Neuerungen einzuführen. Die letzten zehn Jahre stellte Pieper seine Vorlesungsunterlagen komplett ins Internet. "Das sind inzwischen 5000 Info-Seiten." Die Studenten konnten nachlesen, sich vorbereiten und sich in der Vorlesung auf die Fragen konzentrieren. "Der Frontalunterricht ist heute vorbei." Ja, der Anspruch ist stetig gestiegen, und rund 20 Prozent der Studenten bekommen deshalb auch Probleme mit den Anforderungen. "Die müssen erst sehen, wie man wissenschaftlich arbeitet." Der Inhalt des Studiums ist hochgradig abstrakt, räumt er ein.

Die Informatik befand sich ständig im Wandel. Deshalb hat die Fachhochschule alle zwei bis drei Semester die Studieninhalte geändert, um vorn dabei zu sein, sagt Pieper. Zeitweise gab es deshalb drei verschiedene Studiengänge mit unterschiedlichen Prüfungsordnungen. "Wir vermitteln Informatik-Grundwissen. Die Studenten müssen mit der Entwicklung mitgehen", verlangt der engagierte Informatiker.

Die Inhalte wurden immer stärker anwendungsorientiert ausgerichtet. Einer der Schwerpunkte ist die Fahrzeug-Informatik. Dafür stellt der Ulmer Raum ein Kompetenzzentrum dar, sagt Pieper. Vor allem mittelständische Unternehmen haben dafür gesorgt, solche wie das CIM-Team, das beispielsweise für BMW und Audi arbeitet.

International aufgestellt

66 Semester hat Pieper als Dozent hinter sich gebracht, mit schätzungsweise rund 8000 Studenten. Wer sich so lange engagiert, den lässt die Hochschulpolitik auch dann nicht los, wenn er diese vorzugsweise aus seiner Fischerviertel-Wohnung heraus verfolgt. Die Umstellung der Studienabschlüsse vom Diplom auf Bachelor und Master, die bis 2010 unter dem Titel Bologna-Prozess abgeschlossen sein soll, wird die Hochschullandschaft weltweit vergleichbar machen, sagt Pieper. Die Ulmer Fachhochschule steht schon heute sehr gut da mit ihren 30 Partner-Hochschulen weltweit und dem seit langem laufenden Studentenaustausch. "Unsere Transparenz und unsere Internationalität sind heute ein Riesenvorteil."

Pieper geht davon aus, dass diese Vereinheitlichung irgendwann zu einer Gesamthochschule in Ulm führen könnte, mit Uni und FH, die einen mehr theoretisch ausgerichtet, die anderen mehr an der betrieblichen Praxis. Das könnte den Hochschulstandort Ulm/Neu-Ulm sogar stärken, sagt er.

Wo der Privatmann Pieper seine Schwerpunkte setzt? Er will die Zeit mit seiner Familie nutzen und endlich mehr Zeit auch für die sechs Enkel haben. "Ich bin eigentlich ein Familienmensch." Er kocht bei den Danubia-Hobbyköchen.

Aber die Informatik lässt ihn auch heute nicht los. Er ist weiter in der Gesellschaft für Informatik, unterhält viele Kontakte in die Fakultät der Fachhochschule und hat natürlich Fachzeitschriften abonniert, um nicht inhaltlich den Anschluss zu verlieren. Während seiner Hochschulzeit hat er einige Patente angemeldet und andere vorangetrieben. Jetzt kann er sich endlich ausführlich darum kümmern, sagt Friedrich Pieper.


Erscheinungsdatum: Dienstag 03.01.2006
Quelle: http://www.suedwest-aktiv.de/

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